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Tue Gutes und sprich darüber – eine Signifikantencharade

 

Länger schon wollte ich in einem kurzen Text fassen, was mich zu dem Aspekt "Gutes tun" beschäftigt: die Frage nach der Bemessung des "Guten". Eine Bewertung nicht im Absoluten, nicht in einer Art globalen Vergleich, auch nicht in Bezug auf die Wirkung beim Empfänger, sondern aus der Position des Handelnden heraus.

 

Die Frage, die sich mir stellte, war die, ob eine Handlung als "Gutes tun" betrachtet werden kann, diesem Ausdruck gerecht wird, wenn es mir leicht von der Hand geht, keine Mühen erfordert, keine Anstrengung, keinen Verzicht, keine Opfer … dürfte ich dann das Attribut "gut" verwenden für mein Handeln? Jenseits der Auswirkungen auf den Adressaten, jenseits einer moralischen Kategorisierung? Ist Qual, Anstrengung, Verzicht, ist also ein Verlassen der persönlichen Komfortzone nötig oder kann ich auch dann für mich reklamieren, "Gutes" getan zu haben, wenn ich Freude am Handeln empfinde, Leichtigkeit, Nonchalance oder Selbstverständlichkeit? Wenn es vielleicht nur abruft, was mir vertraut ist, leicht von der Hand geht?

 

Dieses seltsame Postulat gilt nicht nur für das abstrakt oder konkret zu fassende "Gute", es gilt in verwandelter Form auch für Geschenke. Darf ich einer Person etwas schenken, das bei mir aussortiert wurde, überzählig ist, weil ich es schon besitze oder weil es mir nicht gefällt – selbst wenn ich weiß, sie würde sich darüber freuen? Besteht dies dann noch als eine Geste der Freundschaft oder ist es bereits das Gegenteil?

 

Worin konstituiert sich das "Gute"? Im Adressaten, Empfänger oder vom Handelnden aus? 

 

Einfacher ist es, wenn ich "Gutes tun" durch "Freude machen" ersetze: In diesem Fall wird klar, woran sich die Handlung orientiert, wohin sie sich ausrichtet – mit dem Ausdruck ändert sich die Zuordnung, die Dynamik, erhält der Blick seine Richtung – Motive, Handlungen und Reaktionen stehen in anderem Bezug untereinander – erfahren eine interpretatorische Änderung ohne faktischen Wandel. Die Macht der Signifikanten liegt auch in der Festlegung der Matrix Ihrer Einordnung. 

 

 

Ein Dazwischen.

Über was schreibe ich in diesen Tagen?   Woran   halten   meine Gedanken sich fest, um was drehen sie sich?

Der Blick auf die Welt, welche Richtung   nimmt   er gerade?

Was mich umtreibt, sind politische und soziale Verhältnisse.

 

Und die Frage, wie ich mich dazu verhalten will und kann. Die Darmstädter Textwerkstatt hatte in den letzten Jahren einige der Schreibworkshops nach Istanbul verlegt. Wir haben dort Mesut und Ingrid kennengelernt, aufmerksame Gastgeber in einer kleinen Pension. Sie sind zurzeit wieder in Deutschland, wollen sehen, ob sie ihre Pension – die eigentlich das Auskommen im höheren Alter sichern sollte – verkaufen können.



Wehen Herzens, nehme ich an, denn beide haben viel an Engagement und Lebenszeit in diesen Ort gesteckt. Aber sie sehen die Türkei unter Erdugan kritisch, möchten unter diesen Umständen, die eine zunehmende Unsicherheit bezüglich der Rechtsstaatlichkeit auszeichnet, nicht leben. Sie wollen gehen, ohne gehen zu wollen. Immerhin, es ist ihnen möglich. Das muss man, blickt man weiter östlich, schon als Vorzug sehen.



Wer hätte vor 5, 6 Jahren gedacht, dass Krieg und Vertreibung ein so virulentes Thema für das beruhigte Europa werden könnten? Wer hätte gedacht, dass statt Demokratie und Menschenrechte zu stärken, die Entwicklung eine entgegengesetzte Richtung nehmen würde. Niemand meiner Freunde und Bekannten hätte das alles so für möglich gehalten.  gehalten. gehalten.



Und trotz aller Erklärungsversuche, nach denen ich täglich suche, so wie nach einem Ausweg, bleibe ich fassungslos und - verstumme.

Weiß nicht, was ich sagen soll. Dazu kommt mehr und mehr Akzeptanz für politische (?) Positionen, denen ich nicht nur nichts abgewinnen kann, sondern die ich auch für einen menschlichen Rückschritt halte. Sie halten eine nationale Kultur in ihrem Banner und stehen für eine Kulturlosigkeit, die bereits Beispiele hatte, kaum 70, 60 Jahre zuvor. Hier, in diesem Land. Dann schaue ich ins nachbarliche Polen, nach Frankreich und nach Holland und frage mich, ob ich die Einzige bin, die denkt, dass es mir bald gehen könnte wie Mesut und Ingrid. Mir und anderen.



Ich sehe auch,

in meiner nächsten Umgebung,

wie Menschen, die ich eigentlich mag, sich Druck beugen, aus Angst vor Komplikationen, vor noch mehr Druck, vor dem, was sich niemand ausmalen mag. Sehe, wie sie unsolidarisch werden, wie sie ihre Scholle versuchen, gegen die Unzumutbarkeiten eines Andern zu sichern. Ich kann die Angst nachempfinden, sie ist zum Teil berechtigt, aber ich kann die Feigheit, die sich zeigt, nicht verstehen. Bin ich blind oder die anderen? Haben sie recht, zahlt man für Rückgrat mit sozialer Ausgrenzung und/oder materiellem Schaden? In einem Maß, das für den Einzelnen nicht mehr tragbar ist? Ich habe Angst. Weniger in dunklen Unterführungen oder bei Massenveranstaltungen, ich habe Angst vor einer schleichenden Korrosion dessen, was mir wichtig ist. Wie viel Angst müssen diejenigen erst haben, die davon umgeben sind, die Freunde, Familie verloren haben – verschollen oder verschieden oder einfach in ein unfolgbares Meinungslager gewechselt.     To be       continued…?

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Formfehler

Was kann ein Autor, eine Autorin in Zeiten wie diesen schreiben? Was darf sie, muss er, was dürfen sie auf keinen Fall? Und was sind denn "diese Zeiten"? Das Leben in Europa, in Frankreich, Belgien oder Deutschland z. B. kann plötzlich nicht nur durch Haushalts- oder Verkehrsunfälle, durch Infarkte oder Krebserkrankungen plötzlich und verfrüht enden, sondern auch dadurch, dass man zur falschen Zeit am falschen Ort ist. An jenem Ort, an dem eine Bombe detoniert oder Gewehrsalven, Äxte oder Macheten zum Weiterleben unverzichtbare Körperteile treffen und außer Funktion setzen. Manches davon geschieht im Namen einer Religion, manches davon in psychischer Dunkelheit. Soziale Medien entgrenzen den Raum des Todes durch die Verbreitung neuer Nachrichten zum selbigen. Lassen Teilhabe nicht im Rahmen dessen enden, der in direkter Linie betroffen ist, als Opfer, als Beteiligter, als Beobachter beispielsweise. Nicht nur dadurch entsteht der Eindruck, dass all dies näher an jeden Einzelnen heranrückt.

 

Ich erinnere mich, ich bin aufgewachsen mit Nachrichtenmeldungen von Terroranschlägen der IRA, der baskischen Befreiungsarmee oder der Roten Armee Fraktion. Palästinenser entführten Linienflugzeuge oder ermordeten israelische Olympiateilnehmer. Regelmäßig erreichten mich Nachrichten zum Krieg im Nahen Osten und der Prager Frühling wurde ebenso niedergeschossen wie die Flüchtenden an der innerdeutschen oder der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Die leidvolle Geschichte Afghanistans ist gefüllt von Krieg, Tod und Terror. BP inthronisierte den Shah im damaligen Persien und Ayatollah Ruhollah Musavi Chomeini sandte seine Schergen, ein Land mit Gewalt zu demontieren. Später dann jagte völkerrechtswidrig Amerikas Präsident Bush einen schnauzbärtigen aus der Gunst Gefallenen und nutze dazu alliierte verheerende Heere. "Diese Zeiten" sind also nicht ganz neu. Aber für Franzosen, Belgier oder Deutsche haben sie eine neue Dimension bekommen.


All dies passiert nicht mehr jenseits der Grenzen. All dies – unter dem Begriff Terror gefasst – ist nicht mehr Einzel-, Sonderfall. Speziell die Deutschen hat


das Abwirtschaften des Immobiliensektors in Amerika oder die Krise in Spanien nur bedingt erreicht, doch nun sind "fremde" Aggressoren innerhalb des deutschen Hoheitsgebietes angekommen. Immerhin, wann war nochmal die Zeit, als europäische Länder besonders den afrikanischen Kontinent kolonialisierten? Das ist also doch schon einige Jahre her, aber nicht ohne Bedeutung für viele Probleme, denen wir uns heute gegenübersehen. Armutsemigration, Wirtschafts- oder Kriegsflüchtlinge – die Vertriebenen blieben sicher lieber in ihren Heimatländern, wenn sie eine Chance auf Leben, gerne auch mit Würde und Zukunft, dort sehen würden. Warum dies nicht möglich ist, ist nicht nur ein selbst verfertigtes Problem aus Unfähigkeit oder fehlender Bildung, es ist auch das Resultat von Ausbeutung, Benachteiligung und Bevormundung. Und ich will hier nicht die Rüstungsindustrie vergessen, die ihre Milliarden mit dem Tod (und keineswegs nur mit Abschreckung davor) macht, gerne auch mit allen Beteiligten.

 


Und der Terror trifft in erster Linie nicht diejenigen, die wirtschaftliche oder politische Weichen stellen, es trifft "das Fußvolk". All das geschieht während Monsanto z. B. ungerührt weiterhin Patente auf Grundnahrungsmittel erhebt und Sämereien verkauft, die nur einmal tragen und reichlich Chemie benötigen. Pharmakonzerne forschen nur in Bereichen, in denen ein Krankheitsbild häufig genug vorkommt, um genug Kunden zu generieren – mit Ausnahme von Aids, natürlich. Aidskranke gibt es zwar in den afrikanischen Ländern in beängstigend großer Zahl, aber diese Kranken, die zahlen ja nicht. Und bekommen daher auch keine Medikamente – außer, europäische oder amerikanische Hilfsorganisationen zahlen dafür. Menschlichkeit geht anders. Und dann ist da noch das Nachbarland Türkei, das so lange Teil der EU werden wollte und nun einem Führer huldigt, der es weiter davon wegführt denn je. Es ist nicht das einzige Land, das sein Heil in Abspaltung und Isolation sucht. Inwieweit darin ein Vorteil liegt, wird wohl erst in Jahren ablesbar sein.

 


Kann ein Autor jetzt einen Roman, gar eine Liebesgeschichte schreiben? Kann darin eine Relevanz für das derzeitige Leben liegen? Zeitlicher Abstand erlaubt eine Annäherung an gesellschaftliche Bedingungen. Unterdrückung in der DDR, Verfolgung in der NS-Zeit, Folter unter Franco – es gibt eindringliche und gültige Texte zu diesen Themen Aber wie viele dieser Werke entstanden parallel zu den verarbeiteten Ereignissen? Ist es erst durch den zeitlichen Abstand möglich, bedrohliche Zustände in literarische Fiktion zu verwandeln und damit die Erlebnisse Einzelner als Matrix für Viele zu setzen? In der direkten Bedrohung – wie schreibt es sich da? Die in der DDR entstandenen Romane und Erzählungen kritischer Autoren waren ja keineswegs "aus der Zeit" … Menschenwürde, Freiheit, Toleranz und der Wunsch nach Glück – Themen, deren Virulenz unhinterfragt ist, die das Gerüst guter Stücke bilden, die aber immer nur vermittelt aufscheinen dürfen, damit sie ihre Kraft entfalten können. Dafür die richtigen Worte, die passende Form zu finden, ist manchmal einfach noch schwerer, angesichts mancher Entwicklungen fehlen auch einem Autor einfach die Worte.

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Der Mensch als Herdentier … oder: Konformität und Abweichung

Die Lesung während der Buchmesse in Leipzig war gut besucht und eine Gelegenheit, nicht nur mit den Zuhörern, sondern auch mit anderen Schreibenden ins Gespräch zu kommen. Naturgemäß sind die Themen weit gestreut und spiegeln die Bezugssysteme untereinander wie die zur Welt. Eine – leider durch die Umstände zu kurze – Unterhaltung ist mir im Gedächtnis geblieben. Möglicherweise, weil existenzielle Fragen grundsätzlicher Art berührt wurden und fehlende Auflösung uns stärker fasziniert als jedes nonchalante Antwortenangebot.

 

Worum drehte sich unser Gespräch? Die Kollegin und ich diskutierten Widerstände im Schreiben, sprachen über den Umgang mit Normen und Zwängen, über Individualismus, Freiheit und das Aufgehen in einer Gruppe, die sich über Codes ausdefiniert. Dabei stellte sich uns die Frage, ob es eine moderne Eremitage, ein Außerhalb von Gruppenzusammenhängen geben kann, das nicht in hierarchischen Beziehungen mündet: Das Nicht-Identische, also das distinktiv Andere wird oft beantwortet mit Verachtung und Abwertung oder mit Bewunderung und Idolisierung. Die Psychologie hat verschiedene Erklärungsmodelle hierfür. Interessant für mich ist jedoch die Frage: Wie wird ein Nebeneinander, eine gleichwertige, gleich gewichtete Koexistenz möglich? Die Unterhaltung mündete in Überlegungen darüber, wie viel Anderes der Einzelne verträgt, wie viel Distinktion aushaltbar ist, ohne dem Anderssein eine Wertung mitzugeben, mitgeben zu müssen als Folge innerer Zwänge und Anlagen. Wie müssten die Voraussetzungen sein, damit eine respektvolle Koexistenz möglich ist, vielleicht sogar ein fruchtbarer Austausch?

 

Ich bin der Auffassung, dass diese Fragestellung nicht nur die aktuelle Weltpolitik und die globalen Finanzmärkte, die kapitalistischen Systeme und die Religionsgemeinschaften betrifft, – und deren Lösung in Bezug auf Distinktion in einer spezifischen mehr oder weniger kultivierten Form des archaischen "Fressen-oder-gefressen-werden" gipfelt – sondern jeden von uns Tag für Tag herausfordert.

 

Die Unterschiede zwischen Bürogemeinschaft und Kriegsschauplatz, zwischen Social-Media-Teilhabe und Diktatur, zwischen Vereinsleben und kriminellen Organisationen diversen

Zuschnitts scheinen mir gleichermaßen eklatant wie minimal:                                                                                                    System vs. Wirkung:

Auf Abweichung folgt in der Regel eine hierarchische Bewertung in Bezug auf die eigene Person und die Gruppe, der sich der Einzelne zuordnet. Ein "Aus-der-Reihe-tanzen" kann also entweder zu Diskriminierung und Marginalisierung bis hin zu Folter und Tod führen oder aber mit einer, dann als positives Alleinstellungsmerkmal gepriesenen Differenz (im englischen sehr deutlich: "unique selling point") zu einer Aufwertung und Idealisierung, respektive Idolisierung führen.

Ein identisches System führt bei modifizierten Kontrollmechanismen zu maximal unterschiedlichen Ergebnissen für alle Beteiligten


Ausgangspunkt scheint mir für dieses Verhalten die unbewusste Annahme einer Bedrohung. Das Bedrohungsszenario möge sich in einem klar definierten Machtverhältnis auflösen: Eben in Unter- oder Überordnung münden. Ein auszuhaltendes gleich Gewichten scheint – die menschliche Entwicklungsgeschichte betrachtend – selten die Lösung der Wahl.

Hier sei nur kurz auf die unterschiedlichen sozialen Ordnungen von Bonobos und Schimpansen verwiesen. Aggression wird bei den einen hauptsächlich nach innen gewendet (sexuelle Triebabfuhr innerhalb der Gruppe), bei den anderen hingegen nach außen (Kämpfe unter Rivalen der eigenen Gruppe oder gemeinsam gegen alles andere).


Dennoch lassen sich unterschiedliche Ausprägungen feststellen in dieser Form des Umgangs mit dem Anderen (das uns fälschlich als Fremdes gilt, denn es erschreckt zumeist das Bekannte, aber als Beängstigendes Abgespaltene), die von großer Bedeutung sind. Unnötig anzufügen, dass ich vorziehe, in einer toleranteren Kultur leben zu wollen. Doch die beschriebenen Wirkprinzipien finden sich auch hier.

Etwas muss dazu führen, dass einzelne Gruppen stärker in der Lage sind, abweichende Haltungen und Setzungen auszuhalten. Ich gehe davon aus, dass dies eher einem wie auch immer gearteten Belohnungsinstrumentarium geschuldet ist, als dass diese Kulturleistung auf Abschreckung und Furcht beruht. (Oder wünsche ich mir das nur?)

Hier schließt sich der Kreis: Welche Belohnung bietet Toleranz? Was bringt Menschen dazu, das Andere, das immer auch ein Stück vom Eigenen ist, auch dann auszuhalten, zu respektieren, vielleicht affektiv positiv aufzuladen, wenn es sich außerhalb der eigenen Zuordnungsmenge positioniert? Und: Wie lassen sich die unterschiedlichen Wertesysteme (denn nur das ist Belohnung, was als solche in allgemeinem wie in individuellem Konsens definiert wird) beeinflussen, ohne selbst hierarchische Systeme zu nutzen?

Eine andere Kollegin äußerte, zu ihren Texten befragt, sie denke, die Welt sei einfach. Ich kann dies nicht finden.

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