SdT im Januar 1

25.01.2018

Du sitzt am kleinen, braunen Tisch, perfekt für dein Notebook, die Tasse Tee neben deinem Arm ausgetrunken, lange schon, sitzt und suchst nach Worten, aber du kommst nicht in den Schreibmodus, wieder einmal, weil wie immer der Fernseher läuft, laufen muss, weil T. es sonst nicht aushält, die Stille nicht erträgt, und du verzweifelst an deinem Text, kannst dich nicht konzentrieren und zusätzlich beginnt T. in der Küche laut mit Töpfen und Pfannen zu hantieren, er will kochen, etwas, was dir so gefallen hat an diesem Mann, wie die dich berührenden Klänge, die er aus einer Trommel holen kann, er stört dich jetzt, er, der mit seinen Händen Töne schaffen kann, die dich bezaubern, Musik, die dich im Inneren berührt, aber jetzt, jetzt ist es gerade der, der alles unmöglich macht, der dein Fass zum Überlaufen bringt, jetzt wünschst du dir, dass er still in der Ecke sitzen möge, ein Buch lesend, eine Zeitschrift, und nicht auch noch mitsummt zu der populären Melodie eines Commercials, jetzt willst du genau das, wovor du dich so fürchtest, jetzt willst du, damit du die Worte finden kannst, die dich ausmachen, jetzt möchtest du, dass er nicht da sei, dich alleine lässt, endlich, alleine und Herrin über die Fernbedienung und den Klang und die Geräusche, und du den Ton finden kannst, mit dem du deine Geschichte erzählen möchtest.

 

(inspiriert von F.)


  24.01.2018

97 Jahre immerhin hatte sie ihre Welt in Ordnung gehalten – soweit es in ihrer Macht lag – hatte Kindheit, Krieg und Konsumgefechte überstanden, einen Beruf erlernt, eine Beschäftigung gefunden, eine Wohnung gekauft und mit den Bildern ihres Mannes überfrachtet, war in den 4. Stock trotz Lift über die Treppen gelaufen, hatte ihren Wagen sorgsam geparkt und ihre Finanzen geregelt und nun lag sie hier – angewiesen auf die sporadischen Besuche ihrer noch lebenden Nichten und Neffen und erbarmungslos deren Jammergeschichten über versagende Gesundheit ausgeliefert, die sie selbst nur mit einem Schulterzucken ignoriert hätte, und musste sich eingestehen, dass es diesmal wohl nicht mit Entschlossenheit zu regeln wäre.

 


23.01.2018

Meine Freundin zieht nach Rom, diejenige, die mich seit Studienzeiten kennt, die mit mir WG-Küchen geteilt hat und Festivalzelte, deren Freunde die meinen waren und die mit mir durch die Clubs gezogen ist, die damals noch Exzess oder Dschungel hießen, die mich durch meine Amouren begleitet hat und die meine Niedergeschlagenheit kennt wie meine Sternstunden, die, deren Zukunft wir besprochen und deren Leben mir Begleitung war, wir teilten Erfahrungen wie Gedanken und Enttäuschungen miteinander und blieben verbunden, sie blieb in dieser Stadt, die ich verließ, blieb, um unsere Vergangenheit zu bewahren, eine Verbindung zu halten, die nun fehlt. Die Stadt ist nun leer für mich. Und mein Spiegel ohne Bild.

 


22.01.2018

Enttäuscht wendet sich Hardison ab, lässt seinen Besucher mitten im Zimmer, mitten im Satz stehen und greift nach seinem Jackett: Von allen hatte er es von Bengtson am wenigsten erwartet, dass er eine dermaßen hinterhältige Absprache treffen würde – und beim Zuschlagen der Tür wird ihm bewusst, dass es außer ihm eine weitere Person treffen wird, ähnlich überraschend, aber bedeutend existenzieller, als je etwas für ihn sein könnte.

 


21.01.2018

dein mund spricht mir die farben in die welt bis

ich ein veto einlege und bitte um lektionen in koloraturen. 

wir begrüßen den einsetzenden schneefall, der das gewesene löscht 

in keinem ton 

 

ist mehr als in diesem lauschen

 

 


20.01.2018

Die Farben sanft und frisch, etwas milchig durchsetzt, aber freundlich, von einer Weite getragen, einem Leichten, wie ein Frühlingstag gegen mittag mit einem wolkenfreien Himmel – doch hinter ihrem Rücken brannte das Haus, und der Rauch, schwer und giftig, kroch wie Bodennebel in das Bild vor ihren schlafenden Augen.

 

 


19.01.2018

 

Bevor er die Nummer wählt, legt Hardison sich die Worte zurecht, mit denen er sie in sein Büro bitten wird – neutral, und ohne jegliche Absicht freizugeben, Worte, die sie nicht beunruhigen würden, damit der Vorteil bei ihm liegen würde, denn das alles hatte sich als ebenso unaufschiebbar erwiesen wie eilig.